Christa L.A. Bellanova

Heiner

Persönlicher Schutzengel zu sein, ist nicht immer einfach. Es kommt darauf an, mit welchen Irdischen man es zu tun hat. Am beliebtesten bei den Engeln ist der Einsatz bei den Kleinen und ganz Kleinen. Da muss man nur aufpassen, dass sie des Nachts in ihren Betten nicht vergessen zu atmen. Sie sanft anpusten, oder ihnen mit der weichen Flügelspitze sanft übers Gesichtchen streicheln, bis sich wieder ein Lächeln auf ihren Gesichtchen zeigt.

Normalerweise sind die Engel, so sagt man, nicht sichtbar. Aber sensible feinsinnige Menschlein können sie spüren oder fühlen. Bei den Großen macht sich die Gegenwart eines Geflügelten meist durch die sog. Intuition bemerkbar. Sie glauben dann, dass sie ihr Bauchgefühl vor einer Gefahr bewahrt hat. Aber in Wirklichkeit war es ihr Schutzengel.

 

So auch beim Heiner. Dieser war starker Raucher. Roth-Händle ohne Filter hatte er in den letzten Jahren konsumiert, und das nicht zu knapp. Seine Schwester hatte mal ausgerechnet, wie viel Geld er so in die Luft verpafft hat. Schwindlig ist ihr geworden, als sie die enorme Summe realisiert hat. Dem Heiner war es egal. Er brauchte nicht viel. Seine kleine 1 Zimmer-Wohnung war abbezahlt. Eine Ehefrau gab es nicht. Ob er Kinder hatte, wusste er nicht. Ja früher, da war er kein Kind von Traurigkeit gewesen. Aber irgendwie hatte er es nie geschafft, einer endgültig den Ring an den Finger zu stecken. Und da er auch in jungen Jahren schon ziemlich vergesslich war, hat er Jede, der er näher gekommen war „Engel“ genannt. Ein guter Kosename, besser als Schatzi oder gar Mausi. Heiners tapferer Schutzengel, der ihn schon sein ganzes Leben im Hintergrund begleitete, zuckte immer zusammen, wenn der Heiner wieder eine gefunden hatte, die er „Engel“ nennen konnte. Fast wäre er eifersüchtig geworden. Aber das verbat sich ja von selbst, dieses irdische Gefühl.

 

Wie oft Heiners Schutzengel ihn schon von den schlimmen Folgen seiner Qualmerei bewahrt hatte, ist nicht bekannt. Aber es waren etliche Male. Z.B. brennende Zigaretten rechtzeitig in den Aschenbecher tun, bevor sie auf den Teppich fallen und diesen entzünden konnten. Oder ihm die Roth-Händle aus den Fingern ziehen, wenn der Heiner wieder einmal rauchend im Bett eingeschlafen war, usw. usw. Der Heiner hatte gelbe Fingerspitzen, stank stark nach Rauch und hatte ebensolchen Husten. Aber was den Schutzengel am meisten störte war die Tatsache, dass er selbst mit jedem Jahr immer mehr nach Rauch roch. Gotts erbärmlich sogar, verzeihen sie das Wort.

 

Eines Abends als sich Heiner noch eine letzte Roth Händle vor dem Schlafengehen genehmigen wollte, konnte er diese nicht entzünden. Sein Einweg-Feuerzeug war offensichtlich leer und auch die Streichholzschachtel, die er nach langem Suchen in der Küchenschublade fand. Nicht ein einziges Streichholz, „Verdammt“ fluchte er und durchsuchte auch Jacken- und Hosentaschen. Seine Gier nach der Zigarette wurde größer bis sie sein ganzes Denken einnahm. Er brauchte diesen letzten Zug, wie ein Ertrinkender die Luft. Jetzt! Sofort! Er würde sterben, wenn er die Zigarette nicht anzünden könnte. Er würde zur Tankstelle laufen und sich ein Feuerzeug besorgen. Er verließ die Wohnung, keuchte die Stufen hinunter, zur Haustür hinaus auf die Straße. Da Heiner hastig, überstürzt und unüberlegt die Wohnung verlassen hatte, war er ohne wärmende Jacke und fröstelte nun ein wenig. Verdammt. Von weitem sah er die Tankstellenbeleuchtung und wollte rasch die Straße überqueren. Da Heiner nur Hausschlappen trug, stolperte er und fiel beinahe hin. Hupen und quietschende Reifen waren das Letzte was der Heiner hörte, just bevor ihn der Kastenwagen traf. Ironie des Schicksals: der weiße Kastenwagen hatte auf der Seite Zigarettenwerbung angebracht. Roth-Händle.

 

Sie fragen sich jetzt sicher, wo in diesem Augenblick Heiners Schutzengel abgeblieben war. Nun, dieser hat dem Fahrer des Kastenwagens ganz leicht ins Lenkrad gegriffen, damit der Heiner nicht mit voller Wucht frontal angefahren wurde.

 

Im Krankenhaus wurde Heiner erstversorgt und geröntgt. Bei dieser Gelegenheit wurde auch der dunkle Fleck in Heiners Lunge deutlich sichtbar. Auf der Intensivstation befanden sich der sedierte, schlafende Heiner und noch ein anderer Mann am Ende seiner Lebenszeit. Der hatte die Augen offen und starrte auf den Schutzengel, den er sehen konnte. „Wird er auch hinüber gehen?“ fragte er leise und schaute auf Heiner. Der Schutzengel schüttelte leicht den Kopf und eine weiße Feder fiel zu Boden. „Nein, jetzt noch nicht. Wir haben noch eine Weile gemeinsam“ antwortete er und lächelte.