Aus fränkischer Feder

Hier werden Ihnen in loser Folge literarische Kostproben unserer Mitglieder vorgestellt. Der nachfolgende Text von Bruno Busch nimmt uns mit auf eine ganz besondere Reise nach Venedig.


Entdeckungstour

B. fotografierte gern. Vor allem auf Reisen hatte er stets einen Fotoapparat dabei. In seinen jungen Jahren war es ein ganzer Fotokoffer mit Spiegelreflexkamera, separatem Blitzgerät, mehreren Objektiven zum Wechseln, einem Stativ und einem Drahtauslöser. Als ihm das alles zu schwer wurde und der technische Fortschritt es möglich machte, beschränkte er sich auf eine Digitalkamera, die er in die Hosentasche stecken konnte. Motive fand er überall: malerische Städte und Dörfer, Schönheiten der Natur.

Von einer lange geplanten Reise nach Venedig versprach sich B. einen Höhepunkt seines Daseins als Amateurfotograf und eine einfühlsame Dokumentation des maroden Zaubers der untergehenden Stadt. Damit, so war er überzeugt, würde er seiner Sammlung selbst gestalteter Fotobücher ein weiteres Glanzlicht hinzufügen. Auf den Spuren von Donna Leons Commissario Brunetti wollte er alles Interessante festhalten, was ihm vor die Linse kam.


Nach der Landung auf dem Flughafen Marco Polo gönnte B. sich eine Fahrt mit dem Wassertaxi, das er schon von Deutschland aus gebucht hatte. Bei herrlichem Sonnenschein genoss er das pfeilschnelle Dahingleiten auf den wogenden Fluten der Lagune und das rasante Umkurven der Stadt auf dem Wasser, immer die Fotokamera im Anschlag. Schon steuerte B.s Chauffeur direkt auf den Campanile von San Marco zu. Je näher sie kamen, umso deutlicher erkannte B. die Vaporettos und Gondeln – für ihn lauter potenzielle Fotomotive. Vorbei am Dogenpalast schnellte das Wassertaxi, verlangsamte kurz darauf abrupt, bog in einen kleinen Seitenkanal ab und legte an. B. steckte die Kamera in die Hosentasche, griff den Koffer und nahm die Stufen zum steinernen Steg. Zwei Hausecken weiter, schon stand er vor dem Hotel, einem kleinen erdfarbigen ehemaligen Palazzo. Nur noch Einchecken an der Rezeption, Hinaufsteigen zum Zimmer, Koffer abstellen – und die Fotosafari konnte beginnen.


Der schattige Arkadenbogen, der markant gepflasterte Markusplatz voll mit Tauben fütternden Menschen und der sonnig beschienene Markusdom im Hochformat waren das Letzte, was der Sucher der Kamera zeigte. Dann blieb das Display schwarz. Was war passiert? Klemmte der Auslöser? War der Akku leer? Glücklicherweise hatte B. Ersatz dabei. Sorgfältig wechselte er den aufladbaren Speicher und drückte vorsichtig den Einschaltknopf. Weder wurde, wie sonst immer, ein leises Summen hörbar noch fuhr automatisch das Objektiv heraus. In einem Fotogeschäft kaufte B. passende Batterien und legte sie ein. Wieder keine Reaktion. Der Händler besah sich den Apparat und schüttelte bedauernd den Kopf. „Ist kaputt!“, bestätigte er B.s Befürchtung.

In dieser Situation traf B. eine Entscheidung: Wenn es nicht sein sollte, sollte es nicht sein. Statt in Venedig einen neuen Fotoapparat zu kaufen, mit dem er sich nicht auskannte, wollte er ohne Kamera auf Entdeckungstour durch die Lagunenstadt gehen. Dann würde es eben keine Aufnahmen von Bord einer Gondel geben und zu Hause kein Fotobuch. B. nahm sich vor, die Bilder in seinem Kopf zu speichern und sie sich in Erinnerung zu rufen, wann immer ihm danach zumute wäre.

Diese Reise nach Venedig wurde für B. nicht nur zu einem der schönsten Urlaube seines Lebens, sondern vor allem zu einem außerordentlich entspannten: Statt ununterbrochen auf der Jagd nach Fotomotiven zu sein, konnte er sich innerlich zurücklehnen und schauen und staunen. Und bei der obligatorischen Gondelfahrt ließ er sich von anderen Touristen ablichten, denen er seine E-Mail-Adresse diktierte und deren Fotos bei seiner Heimkehr schon im elektronischen Briefkasten auf ihn warteten.

Aus: "Dicke Birnen - Geschichten von B."