Aus fränkischer Feder

Richard Fliegerbauer wurde im Bayrischen Wald geboren und lebt heute im Großraum Stuttgart. Damit ist er definitiv kein fränkischer Autor. Trotzdem passt sein Text in die Rubrik „Aus fränkischer Feder“. Denn er hat mit ihm im vergangenen Jahr beim Wettbewerb um den Fränkischen Kurzgeschichtenpreis des AVF den dritten Preis errungen. Und die Geschichte selbst passt geradezu prophetisch zu den Nachrichten, die uns inzwischen Tag für Tag aus Mariupol, Odessa und anderen Städten erreichen.


Drei Kilowatt

Der schwarze Lichtschalter klickte leer.

„Gibt’s kein Licht?“, fragte Brahmke.

Statt einer Antwort schüttelte der Junge so heftig den Kopf, dass der Papierdrachen in seiner rechten Hand ebenfalls hin und her zuckte, als wisse auch er über das Licht Bescheid.

Brahmke hasste die Kontrollen, zu denen er seit zwei Wochen eingeteilt war. Tagsüber in der Fabrik. Nach Feierabend von Tür zu Tür. Die steilen Treppen hinauf bis unter die Dächer, die der eisige Wind zu seinem Spielplatz gemacht hatte. Dort spielte er Fangen mit seiner Freundin, der Kälte. Pfiff zwischen den alten Ziegeln hindurch. Fuhr ihm ins Gesicht und unter die Jacke. Erinnerte ihn an das weit entfernte, kalte Russland und an das kaputte Bein, das er von dort mitgebracht hatte. Auch wenn der März jetzt angenehme Sonne brachte, ihn wärmte sie nicht. Heute war Brahmke für das Viertel zwischen Promenade und Eichhorn-Straße eingeteilt. Er war die Dominikanergasse entlang gegangen, hatte an der geschlossenen Schreinerei geklopft und bei den Wäsche-Schwestern. Und jetzt war er in der Wöllergasse. Hinterhof, noch eine Werkstatt, die leer stand. Der Sohn war im Atlantik untergegangen, der Vater hatte sich totgesoffen. Nur eine Wohnung hinter der verwitterten, grün gestrichenen Türe, auf die eine weiße 3 gemalt war.

„Jetzt im März Drachen steigen lassen? Macht man doch im Herbst.“

„Wegen der Tiefflieger. Die schmieren ab, wenn sie in eine Drachenschnur kommen.“

„Wirklich?“

„Der Lehrer hat’s gesagt.“

„Und? Ist er gut geflogen?“

„Naa, zu wenig Wind heute. Wir probieren’s morgen wieder.“

Brahmke drehte den Schalter noch einmal nach links, dann nach rechts. „Da hängt doch ’ne Lampe. Wieso geht die nicht?“
Er stieß den Jungen in die Seite.

„Kein Strom“, sagte der leise.

Brahmkes Blick folgte der ausgetretenen Steintreppe hinunter in die Dunkelheit. Jedes der alten Häuser hier hatte so einen Keller. Schwarze Löcher, die oft noch schwärzere Geheimisse verbargen. Passend zu den Zeiten.

Kein Strom? Brahmke kam eben vom Versammlungsraum. Der war nur zwei Straßen weit weg und da gab es Strom. Dafür sorgte Schaußer schon. Schaußer, der Blockwart, den alle nur Schnauzer nannten. Nicht, weil er einen Bart getragen hätte. Er hatte einfach die größte Schnauze von allen. Und er hatte sie noch einmal eingeschworen auf die Jagd nach Volksschädlingen. Mit äußerster Härte müssten sie gegen jeden vorgehen, der sich gegen den Endsieg stellt. Endsieg? Nicht einmal mehr Goebbels sprach davon.

„Wieso habt ihr keinen Strom?“

Der Junge flüsterte beinahe: „Gestern war der Fünfzehnte, da ham wir kein Strom mehr.“

Brahmke sog die feuchte Kellerluft durch die Nase ein. Sie roch nach Moder und nassen Wänden. Sie roch nach Kartoffeln, die austrieben und weich wurden. Sie roch nach Schimmel und nach etwas, das er nicht zuordnen konnte.

Schnauzer hatte sich vor ihnen aufgebaut, die Hände in die Hüften gestützt und den Kopf schief gelegt. „Von Haus zu Haus gehen. Jede Wohnung genau anschauen. Jede! Nichts auslassen. Jeden Raum, jeden Winkel, jedes mögliche Versteck. Ich will, dass nichts übersehen wird. Keine verbotene Zeitung, kein verstecktes Radio, keine gehorteten Lebensmittel ... Nichts! Nichts! Nichts!“ Dreimal hatte er das wiederholt. So, als hätte er Angst, nichts melden zu können.

Brahmke schaute wieder dem spärlichen Licht nach, das von draußen auf die Kellerstiege fiel und sich nach wenigen Stufen weigerte, etwas darüber Preis zu geben, was da unten war. Noch einmal sog er Luft ein. Angst. Es roch nach Angst.

„Warum habt ihr am Fünfzehnten keinen Strom mehr?“

Der Junge nagte auf seiner Lippe und deutete mit dem Kinn auf den Stromzähler, der links über ihren Köpfen hing.

„Unter drei Kilo im Monat kostet Strom nichts. Bevor’s drei Kilo sind, dreht Mutter immer die Sicherung raus.“

Es heißt Kilowatt“, sagte Brahmke abwesend. „Drei Kilowatt.“

Ob er nach dem Krieg wieder als Restaurator arbeiten kann? Aber was hieß schon nach dem Krieg? Wenn man Goebbels glaubte, dann würde der noch lange dauern. Auch ohne Endsieg. Herbert war da anderer Meinung. Herbert hörte Feindsender. Sagte er zwar nie, aber er wusste Dinge, die Schnauzer nicht erzählte und die nicht im Völkischen Beobachter standen. Dass es in Dresden mehr als zehntausend Tote gegeben hatte durch die Bomben. Nürnberg hatte es kurz hintereinander zweimal schwer erwischt. Und vor ein paar Tagen Swinemünde. Mit seinen Eltern war er zweimal dort. Vor dem Krieg, in einer anderen Zeit. Mein Gott, wer bombardiert denn Swinemünde? Da gab es nichts außer Fischerhäuser und Sandburgen.

„Wie habt ihr dann Licht, wenn ihr in den Keller geht? Kerzen?“

„Naa“, sagte der Junge. „Kerzen gibt’s nur auf Schein. Wir gehen einfach nicht runter.“

Brahmke rieb die Hände aneinander, aber das half nicht gegen die eisige Kälte. Die war ihm gefolgt – von Leningrad bis ins Lazarett und von dort bis nach Hause. In der zweiten Ladogaschlacht hatte er den Heimatschuss bekommen. Vier Granatsplitter ins Bein. Das war im Januar 43. Seitdem fror er. Auch im Sommer. Ihm war, als hätte er einen Teil des russischen Winters eingefangen und mit nach Würzburg gebracht. Herbert hatte ihm zugeflüstert, dass der Russe schon tief in Pommern und Schlesien stand. Sie kommen also. Sie wollen ihren Winter wiederhaben.

Draußen heulten die Sirenen auf: Kleinalarm.

„Ja, dann komm ich, wenn’s wieder Strom gibt“, sagte er schließlich. „Aber schaut, dass dann da unten alles aufgeräumt ist.“
Er blickte dem Jungen noch einmal lange in die Augen. Der schluckte trocken und nickte kaum merklich.

„Mach’s gut. Vielleicht hast du morgen ja wieder mehr Wind für deinen Drachen“, sagte Brahmke und ging hinaus in den Märzabend.

Lügen, nein, lügen wird er nicht. „Nichts“, wird er in seinen Bericht schreiben. „Nichts Auffälliges gesehen.“

Epilog

Als gegen 20 Uhr Voralarm ausgelöst wurde, brachten zwei kaum 10-jährige Kinder eine junge Frau aus einem Keller im Zentrum Würzburgs in ein neues Versteck, wahrscheinlich in Waldbüttelbronn. Die Frau lebte bereits seit mehr als zwei Jahren im Untergrund und blieb versteckt bis zum Kriegsende. Sie wurde von Menschen verborgen, die sie vorher nie gesehen hatte. Sie lebte in Verstecken, von denen sie nicht einmal wusste, in welcher Stadt sie waren. Viele Jahre später scheiterten ihre Versuche, in Würzburg Plätze oder Personen wiederzufinden. Beim verheerenden Luftangriff am 16. März 1945 war die gesamte Innenstadt Würzburgs zerstört worden und fast 5.000 Menschen ums Leben gekommen. Die Personennamen sind frei erfunden, die Straßennamen ein Versuch, den nachlassenden Erinnerungen Ort und Bilder zu entlocken.