Aus fränkischer Feder

Christine Hidringer:

Aus der Art geschlagen 

Die Libelle sitzt auf dem Stängel einer Wasserlilie. Ganz sanft schaukelt die Pflanze in der gemächlichen Bewegung des Wassers, und die Libelle schaukelt mit.

Heute tut sie endlich das, was sie sich schon so lange vorgenommen hat. Wobei es ihr durchaus schwer fällt, ihr Spiel zu unterbrechen und so ganz untätig hier herum zu hocken. Sie liebt nämlich den Taumel mit Wasser und Licht. Sie liebt die kleinen Ableger der großen, alles versengenden Sonnenstrahlen, die kleinen, putzigen, verspielten, die sich zu hunderten und tausenden jauchzend vom Himmel auf den Wasserspiegel stürzen wie Sterne, die vom Himmel fallen. Ganz kurz nur ploppsen sie da auf, erzeugen winzige Blitze, um erneut aufzusteigen und wieder nach unter zu rasen. Ein atemloses, ein schwindelerregendes Spiel und die Libelle steigt zwischen ihnen auf und nieder, verharrt sekundenlang regungslos, nur um sich gleich wieder dem rauschhaften Tanz zwischen Himmel und Erde hinzugeben.

Aber jetzt bleibt sie hier sitzen. Sie muss schauen. Fragen sind zu klären. Fragen, die ihrer nicht würdig sind - das hat ihre Mutter gesagt. Reichlich aus der Art geschlagen sei sie. Für solch einen Unsinn sei sie doch nicht auf der Welt!

Aber sie kann nicht anders. Vor allem, da heute so ein Tag ist, an dem viele von jenen hier sind, von denen sie unbedingt mehr wissen muss. Was das für Wesen sind mit diesen riesigen Körpern, viel zu groß und viel zu schwer, um sich in die Luft zu erheben. Sie glitzern nicht, sie glänzen nicht, ihre Töne sind dumpf und unverständlich. Auf ihren Köpfen wächst Kraut in allen Farben, ähnlich dem Wassergras, doch ohne dessen schwingende Beweglichkeit. Eher starr und stumpf. Auf zwei Füßen stapfen sie zum Ufer. Dort fallen sie um und bleiben lange Zeit da liegen. Die Libelle hat Mitleid mit ihnen und ihren schwerfälligen Körpern. Wahrscheinlich, so denkt sie, verbrauchen ihre Leiber viel zu viel Energie. Manche gleiten ins Wasser, und es scheint der Libelle sehr verwunderlich, dass sie nicht sofort auf Grund sinken. Einige treiben in riesigen Holzschalen auf dem Main und machen dabei ungelenke Bewegungen, ganz so, als ob sie fliegen wollten. Aber da können sie sich lange anstrengen! Manchmal essen und kauen sie, doch wo jagen sie? Wunder über Wunder. Zuweilen neigt eines der Wesen sein Gesicht ganz nah zu ihr, so nah an ihre Augen heran, dass sie mit all ihren vier Flügeln schlagen muss, um nicht ohnmächtig vom Stängel zu fallen. Deren Augen sind so flach und glatt wie Teiche in der Sommerstille! Ob sie damit überhaupt etwas sehen?

Ach, vielleicht hat Mutter Recht. Wahrscheinlich vergeudet sie hier ihre Zeit. Egal, wie lange sie auch ihr Treiben betrachtet, sich den Kopf zerbricht und Gesehenes zu verstehen versucht, sie wird deswegen kein bisschen schlauer.

Und sie erhebt sich mühelos und schießt mit einem kleinen Libellenjauchzer wieder mitten hinein in den Tanz der Sonnenstrahlen über dem Wasser. Wie herrlich doch das Leben ist!

Foto: Nicolas Weghaupt