Jürgen Leuchauer

Die Alternativen

Langsam wird es unübersichtlich.

Will man alle, wirklich alle normalen und alle alternativen Menschen ansprechen, wird es langsam schwierig, weil nämlich unübersichtlich. Ich habe gesammelt. Und zwar Begrüßungen sowohl für meine Kabarett-Bühnenauftritte, also live, aber auch für meine Leserinnen und Leser.

Der folgende Versuch mag als Testlauf gelten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, aber ich glaube, der Versuch war es wert.

Los geht’s.

Meine Damen und Herren, liebe Gäste und Gästinnen, verehrte Diverse, Perverse und Kontroverse, liebe inner-, außer- und uneheliche Menschen, meine Alleinerziehenden und Nichterziehenden, verehrte Links- und Rechtsträger, liebe Trans- und Asexuellen, Laktoseintoleranten, Vaginaintoleranten, Fußfetischisten, Katzenhaarallergiker, liebe Gläubige und Atheisten, liebe Vegetarier, Fruktarier und Veganer Bindestrich innen, sehr verehrte Höhenangsthabenden, Schmutzphobiker, Schwerhörige, Kurzsichtige, Zähneknirscher, Standardtanz-Verweigerer, Hörgeräteträger, Schwimmer und Nichtschwimmer, Alpha- und Analphabeten, sehr verehrte Hirnheinis, Allergie-Hypochonder, liebe Biomasse mit Internetanschluss, liebe Stiefmütter und Leihväter, Mitglieder und ohne, werte Kloobrillen-Warmföhner liebe glutenintolerante Kreuz- und Querdenker, verehrte Gendersternchen!

Ich kann nicht umhin, meine bereits in Band drei festgezurrten Gedanken zu sehr alternativen Lebensanschauungen hier noch ein bisschen zu ergänzen. Fangen wir wieder mal mit der Ernährung an. Ich selbst bin ja Vegetarier PLUS. Also Gemüse, Salat UND Fleisch. Zur Erinnerung für meine genussfeindlichen Ernährungsfetischisten: Fleisch – das sind diese Bauteile von Rind, Schwein usw. (Wie lautet eigentlich die Mehrzahl von Fleisch?) Ich ernähre mich nicht makrobiotisch nach dem Mondkalender, bin auch nicht von Low-Carb-Essen überzeugt.

Aber der Mensch hat ja manchmal Träume. Verrückte Träume. Hab ich auch. Mein Traum wäre z B., in einem Restaurant Kellner zu sein und kritisch-alternativen Gästen, wenn die vielleicht nach Herkunft von Lebensmitteln fragen, mit folgenden Erklärungen den Wind - aber sowas von - aus den Segeln zu nehmen:

„Unsere Bio-Rinder und Bio-Schweine werden bei uns nicht geschlachtet, sondern totgestreichelt, vorher aber vom Dorfpfarrer seelisch betreut. Herkunft und Abstammung sind natürlich geklärt, das heutige Schwein hieß Waltraude und war zweieinhalb Jahre alt. Der Bio-Zander auf der Speisekarte stammt aus Tasmanien und wurde bei Vollmond von nackten buddhistischen Jungfrauen mit bloßen Händen erwürgt. Die Kichererbsen dürfen kichern, werden aber nicht zu albern serviert. Unser Rosenkohl wird ausschließlich mit Protein-Pulver gewürzt. Die Kalorien können auf Wunsch auf einem extra Teller serviert werden. Die Inhaltstoffe in unserem Leitungswasser sind nicht allergen. Den Kabelsalat aus der EDV haben wir von der Karte gestrichen. Nach dem Essen empfehlen wir, kollektiv ein verdauungsförderndes Mantra zu sprechen. Auf besonderen Wunsch flambieren wir Ihnen zum Schluss die Rechnung“.

Ja, ich weiß, Waldorf- und Montessori-Schüler erbrechen sich spontan an dieser Stelle und kotzen in hohem Bogen Endorphine in ihr Müsli oder in ihre Holunder-Bionade. Was ich an dieser kompletten Thematik aber halt besonders mag, sind die findigen Humorbolzen, die sich dieses Themas immer wieder annehmen, wenn auch mit absichtlich falschen oder übertriebenen Thesen. Es stimmt z. B. nicht, dass Veganer jeden Tag ins Gras beißen. Falsch ist auch, dass das Wort „Vegetarier“ aus dem Sanskrit kommt und „erfolgloser Jäger“ heißt. Man muss als Veganer auch nicht unbedingt Mitglied bei den Salatisten sein.

Trotzdem - das Thema ist sogar präsent beim Zickenkrieg in der Firma:
Kollegin 1: Ich bin Frutarierin
Kollegin 2: Das passt ja gut zu deiner Orangenhaut.

Sarkastischerweise geben sich manche Alternativ-Mädels gegenseitig komische Namen:
Dinkel-Dörte, Grünkern-Gerda, Weizen-Waltraud, Salat-Sabine, Roggen-Renate, Kalorien-Karin etc.

Apropos Namen. Man hat sich ja mittlerweile an die vermeintlich phantasievollen Vornamen wie „Sören-Gandalf“ oder „Justus-Aurel“ gewöhnt. Bei den Mädels ist z. Zt. „Naomi“ in. Ich denke jetzt 65 Jahre voraus, wenn dann die Enkel zur Großmutter sagen: „Na, Omi Naomi“. Komisch – oder?

Angeblich sollen auch bekannte alte Filmtitel von der Natur-Fraktion umbenannt werden:
Drei Stengel für Charlie, Kill Dill, Krieg der Kerne, Conan der Rhabarbar, Der Saatort usw.

Mir selbst drängen sich an dieser Stelle natürlich wieder mal ein paar existentiell wichtige Fragen auf, deren Beantwortung ich mit Interesse entgegensehe:

Nennt man eine Veganer-Demo wirklich Gemüseauflauf?
Wenn jemand gerne Mais isst, ist das dann ein Kolbenfresser?
Stimmt es, dass Veganer keine Kinder bekommen, sondern Sprösslinge?
Muss ein Rinderfilet wirklich mindestens 300 g haben, weil alles darunter als Carpaccio gilt?
Wenn Veganer dahinvegetieren, was ist dann mit Schnitzelessern? Heißt das dahinschnitzeln?
Heißt der Abführtee im Reformhaus-Regal wirklich „Alles muss raus?“

Hier auf ganz besonderen Wunsch noch ein paar Anmerkungen zu meiner Person:

Ich glaube, ich bin spirituell auf dem positiven Weg, meine Begleiter sind die fünf Tibeter. Eine meiner eigenen drei Persönlichkeiten erklärt mir im intelligenten Selbstgespräch, dass mein persönlicher Kohleausstieg täglich in meiner Geldbörse stattfindet. Stark angezweifelt habe ich bei einem Selbsterfahrungs-Workshop im Rahmen eines pädagogischen Stuhlkreises, dass wenn es ganz schlimm im Leben kommt, bei einem Erdbeben z. B., dass dann immer noch Globuli helfen. Außerdem habe ich studiert, und zwar an der Akademie der bildenden Künste! Vier Semester! Malen nach Zahlen! Und vom letzten Lockdown habe ich noch ein paar Rollen Klopapier eingefroren. Die sind aber auch fairgetradet.

Jetzt aber zu meinen extrem alternativen Nachbarn. Die spielen sich auf als selbsternannte Tugendwächter des Tachos, als Moralapostel des Gaspedals, als imaginäre Lordsiegelbewahrer der Höchstgeschwindigkeit und oberste Hüter der Straßenverkehrsordnung. Wer da statt der erlaubten 50 kmh sogar 51 oder 52 kmh fährt, gilt als Raser. Am Nürburgring wollen sie eine 30er Zone einrichten, und bei Taxifahrten nennen sie dem Fahrer aus Datenschutzgründen das Fahrtziel nicht mehr sprachlich. Da wird ein Zettel gereicht, auf dem steht das Ziel drauf.

Wenn der Sohn Karlheinz-Eberhard daheim in die Steckdose greift, ist das nicht schlimm, sie haben ja Ökostrom. Das Kinderspielzeug wird als „infantiles Beschäftigungsmaterial“ bezeichnet und ein Bilderbuch als „funktionales Druckerzeugnis im Kleinkindbereich“. Die Kinder besuchen das „Evelyn-Burdecki-Gymnasium“ und die „Seitenbacher-Realschule“. Da gibt es Waldorf-Gedächtnis-Häkeln. Links wird als „das andere Rechts“ bezeichnet. Anstelle von Topfschlagen wird Topfstreicheln praktiziert. Außerdem werden die Kinder mit dem Fahrradanhänger in die Schule gefahren. Also mit großen Fahrradanhängern, denn die Kinder sind ja schon 15 und 17 Jahre alt. Höhepunkt des Ganzen: Wer einen Notizzettel braucht, kopiert ein weißes Blatt Papier. Ach ja – nicht zu vergessen: Beim Singen gibt es keine Fehler, nur Variationen. Jetzt reichts aber.