Aus fränkischer Feder

Mit dem folgenden Text hat unsere weißrussische Kollegin Viktoryia Malyshava sehr treffend die Atmosphäre des vorweihnachtlichen Nürnberg und des Christkindlmarktes eingefangen. Hoffen wir, dass wir sie irgendwann auch wieder selbst erleben dürfen!



Weihnachtliches Nürnberg

Der Freitag vor dem ersten Adventssonntag. Auf dem Nürnberger Marktplatz sind die Vorbereitungen abgeschlossen. Der festliche Messemechanismus wird in Gang gesetzt. Der Besucher wird von der Frauenkirche begrüßt, die wie eine Mutter von vielen Kindern aussieht — rund, gutmütig und adrett gekleidet. Die gotische Pyramide des Schönen Brunnens verbeugt sich elegant vor den Neuankömmlingen. Seite an Seite reihen sich endlose Weihnachtsmarkthütten aneinander, die die Besucher mit bunten, duftenden und leckeren Dingen anlocken. Mit Adventsluft beladen und mit Kleidern ausgestopft, präsentieren die Besitzer stolz ihre Waren, jedes fabelhafte Schmuckstück voller Fantasie, harter Arbeit und der Seele des Handwerkers ausgestattet. Sobald man sich dem festlichen Gedränge nähert, packt einen eine Kraft und lässt einen nicht mehr los — bis man trunken und satt ist, seine Taschen ausschüttelt, es fühlt sich an, als ob man selbst Teil der Teigmasse ist und zu Nürnberger Lebkuchen geknetet wird.

Am besten ist es, sich noch nicht zu nähern, zu warten, sich umzusehen, sich seinen Appetit aufzubauen.

Nürnberg erlebte seine Blütezeit im Mittelalter. Hier unterzeichnete Karl IV. von Luxemburg 1356 die „Goldene Bulle“, und von da an musste jeder der von den sieben Kurfürsten gewählten Kaiser den ersten Reichstag in Nürnberg abhalten.

Es war eine Stadt der Handwerker. Die Qualität der Waren und Dienstleistungen war hier schon immer hoch. Und ist es bis heute. Ob Nürnberger Bratwürste mit Kraut und Bier oder Karpfen mit hellem Glühwein (für Feinschmecker), hier werden Sie wie ein König behandelt: Ein junger, stattlicher Franke in Tracht begrüßt Sie wie einen alten Freund und bezaubert Sie mit Herzlichkeit und Zuvorkommenheit. Wenn Sie durch die mittelalterlichen Gassen schlendern, werden Sie den Geschmack von warmem Essen, Gemütlichkeit und Wärme noch lange in Erinnerung behalten.

Nürnberg ist tief vom Mittelalter geprägt. Jeder Stein der Altstadt atmet noch die Vergangenheit und selbst diese neu verlegten Steine, die die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs völlig vergessen zu haben scheinen, bewahren die Erinnerung an mittelalterliche Handwerker — Holzschnitzer, Goldschmiede, Töpfer, Bäcker. Damals wurde ein Meister, ein wohlhabender Städter, hochgeschätzt.

In der Renaissance (14.-16. Jh.) war der Künstler noch in der germanischen Sichtweise der artes mechanicae (der mechanischen Künste, die mit körperlicher Arbeit verbunden sind) — minderwertig gegenüber den artes liberalis (den sieben freien Künsten, zu denen Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik gehören). In Italien war der Künstler zu dieser Zeit jedoch bereits ein angesehener Bürger, der sehr geehrt war. Albrecht Dürer (1471-1528), ein Maler aus Nürnberg, erhielt auf seiner Reise durch Norditalien ein sehr schmeichelhaftes Angebot des örtlichen Adels sich gegen ein stattliches Honorar in Venedig aufzuhalten. Doch er weigerte sich und kehrte in sein Heimatland zurück.

Das Fachwerkhaus, in dem Dürer lebte und arbeitete, ist erhalten geblieben, seine erleuchteten Fenster laden zum Betreten ein. Holztreppen knarren, eine Küche mit zahlreichen Utensilien beeindruckt die Besucher. Im dritten Stock befindet sich eine geräumige, lichtdurchflutete Werkstatt. Dort gibt es eine Hochleistungsdruckmaschine zur Herstellung von Holzschnitten. Hinter ihr arbeitet ein moderner Meister, man kann eine Gravur kaufen.

Oder man kann einfach nur stehen und staunen — man bewegt sich gedanklich an den Anfang des 16. Jahrhunderts, als die Stiche „Melancholie“, „Adam und Eva“, „Der heilige Hieronymus in seiner Zelle“ und andere erstaunliche, filigrane Werke entstanden sind. Unten ist ein kleiner Raum mit Gemälden an den Wänden, darunter mehrere Kopien von Dürers Selbstporträt, das sich in der Alten Pinakothek in München befindet. Die Kopien sind weit vom Original entfernt — es ist nicht einfach, das Geniale zu wiederholen.

Man wirft einen Abschiedsblick auf Dürers Haus, das festlich beleuchtet erstrahlt und im Rückblick immer mehr verschwimmt, und der Besucher wird verstrickt in neue Geschichten, gesungen von Meistersinger Hans Sachs, einem anderen weltbekannten Bewohner dieses Ortes. Der erste Eindruck des festlichen Nürnberg, eingeschlossen in einem Ring aus starken Mauern, ist eine Stadt aus der Schnupftabakdose, ein wunderbares Uhrwerkspielzeug aus dem Nürnberger Spielzeugmuseum. Das Relief verstärkt die Fabelhaftigkeit.

Die Straßen schlängeln sich, laufen wie Flüsse hin und her und werden von geschwungenen Brücken unterbrochen, in der Nähe von Kathedralen aufgestaut, und das Flussbett wird von bunten Fachwerkhäusern mit leuchtenden Fenstern gebildet. Es duftet nach Lebkuchen, Fichte, Ingwer. Das Gefühl, in eine andere, magische Welt zu fallen, in ein deutsches Märchen der Gebrüder Grimm, ist ein wenig bedrohlich und gleichzeitig anziehend. Ein hoher, dunkelblauer Himmel mit leuchtenden Sternenpunkten, seltenen großen Schneeflocken, die Frau Holle langsam aus ihrem himmlischen Haus schüttelt.

Auf dem Berg, auf dem Dach der Kaiserburg, sammeln sich die Schneeflocken in flauschigen Hügeln und rollen lachend hinunter, verstreuen sich über die Stadt, tanzen an den Laternen vorbei und lugen durch die Fenster. Sie greifen die Lieder des Meistersingers auf und locken wie Sirenen in das festliche Treiben auf dem Marktplatz.

Der riesige Jahrmarkt zieht einen zu sich hin, verdreht einem den Kopf, verblüfft einen. — „Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben“ (Goethe, „Faust“). Und jetzt gibt es ein hölzernes Weihnachtsbäumchen in deiner Tasche. Und du trinkst einen köstlichen, heißen Punsch aus von Elfen gepflückten Waldbeeren. Und man greift nach dem Nürnberger Lebkuchen, dem leckersten von allen — die Feen im Burgturm zaubern und würzen eine nussig-fruchtige Masse mit dem Blütenstaub von Sternen und dem Zimt von Schneeflocken.

Man schluckt zwei und steckt die dritte zum Holzspielzeug. Und wie wäre es mit etwas mehr Punsch? Es gibt Lärm und Gerüche, daneben die Wärme des Ofens und die Gesellschaft. An der Wand hängt ein Faksimile von Dürers „Melancholie“. Die Gestalt mit den kraftlosen, schweren Flügeln beginnt tief nachzudenken und beobachtet das festliche Getümmel – wie die Menge summt, wie das Mädchen sich freut, wenn sie eine Lebkuchenmedaille geschenkt bekommt, wie der vom Glühwein rotwangige Franke ansteckend lacht, seine Freundin umarmt und in ihr Ohr flüstert: „Das Leben ist wunderschön...“