Aus fränkischer Feder


Mit dem folgenden Text beteiligte sich unsere Anfang des Jahres verstorbene Kollegin Christine Mai am Wettbewerb um den Schaeff-Scheefen-Preis 2010 und schaffte es mit ihm in die Anthologie „Höhenflüge und Abgründe“.


DIE LIEGENDE

Endlich bin ich allein. Der Kranwagen ist abgefahren. Die wenigen Menschen, die den Transport beobachteten, haben ihr Interesse verloren. Der letzte ging vor ein paar Minuten.

Herrlich, diese Ruhe. Doch nein, da kommt noch jemand. Er. Hätte ich mir ja denken können. Tarnt sich als harmloser Spaziergänger in Jeans und kariertem Hemd. Glaubt er denn, ich würde ihn ohne Anzug nicht erkennen? Oder will er jetzt, da es zu spät ist, auf meine Gefühle Rücksicht nehmen? Soll er nur versuchen. Da beißt er bei mir auf Bronze. Schweigend steht er neben mir. Ich warte. „Es tut mir leid“, sagt er. Ich muss mich anstrengen, um ihn zu verstehen. „Diese Geschichte. Hätte nie gedacht, dass es so endet. Aber, vielleicht ... Dieser Platz ist doch auch nicht übel.“ Ich folge seinem wandernden Blick. Ein kleiner Park, von hohen Mauern umgeben. Hier soll der alte Friedhof gewesen sein. Gräber sind natürlich keine mehr da. Sie wurden verlegt, als sie damals in den Siebzigern den schöneren, größeren, freundlicheren Parkfriedhof einweihten. Jetzt gibt es hier nur ein paar Linden entlang des Fußweges, der die Idylle quert.

Ja, richtig. Idylle. Idyllisch ist es schon. Sehr. So sehr, dass mich hier niemand bemerken wird. Die einzige Bank steht auch weit genug von mir weg. Falls mich jemand entdecken sollte, ist es bestimmt ein Versehen. Oder ein Auswärtiger, der die ganze Geschichte nicht kennt. Er schiebt die Hände in die Hosentaschen und sieht angestrengt an mir vorbei. Was will er hier bloß? Hofft er auf Absolution? Da kann er lange warten.

Dabei hat es so schön angefangen. Die feierliche Übergabe auf dem Parkfriedhof. Was für ein Ereignis für das kleine Mellrichstadt! Die Blaskapelle. Der Kirchenchor. Blumenschmuck. Ich glaube alles, was auf zwei Beinen stehen konnte, war da. Der Pfarrgemeinderat. Der Stadtrat. Der Vorsitzende des Gewerbevereins. Er – der Bürgermeister.

Und natürlich der Ehrengast. Hedwig Mühlemeier. Die Mäzenin der Stadt. Gründerin der Lebenshilfewerkstätten. Mutter von Richard Mühlemeier, dem größten Bildhauer und Künstler, der je in der Region lebte. Was wurden Reden geschwungen. Wie froh sie waren, sie in ihrer Mitte begrüßen zu dürfen, wie dankbar ob ihrer Großzügigkeit. Wie kümmerlich hatte sich diese Stadt ohne sie entwickelt. Und wie geehrt sie sich fühlten, wie stolz sie doch waren, dass sie ihnen dieses einmalige Geschenk machte.

Ein Werk ihres Sohnes. Eine Bronzeplastik. Eine Frau, bedeckt mit einem Tuch. Die Liegende. Es war anrührend, wie sie über Richard sprachen. So kurz nur sein Leben, seine Schaffenszeit. So tragisch sein früher Tod. Zwanzig Jahre sei es her, dass er an der allergischen Reaktion auf einen Wespenstich gestorben war.

Glauben Sie mir, da hatte auch ich einen Kloß im Hals.

Einen schönen Platz bekam ich. Die Wiese vor der Leichenhalle. Ich konnte jeden sehen. Jeder konnte mich sehen. Es hat mich auch jeder gesehen. Wie habe ich es genossen. Die vielen Besucher. Ich bin mir sicher, dass in dieser Zeit unzählige Gräber zwei-, dreimal am Tag gegossen wurden. Zum Wasserholen mussten sie an mir vorbei und konnten so „zufällig“ einen Blick auf mich werfen. Ich wette, dass sich einige Ehemänner freiwillig zur Grabpflege gemeldet haben, ganz plötzlich und ohne Hintergedanken ... Die Sache kam ins Rollen. Wann es anfing, weiß ich nicht. Woher auch. Sie haben nie mit mir geredet. Nur über mich. Aber die Atmosphäre hat sich verändert. Für so etwas haben wir Frauen eine Antenne.

Wenn sie jetzt mit ihren grünen Gießkannen an mir vorbeischlichen, bekam ich bestenfalls heimliche Blicke ab. Ihre Münder waren verkniffen, die Stirne gerunzelt. Und jedes Gespräch brach abrupt ab.

Als ob ich nicht gewusst hatte, dass sie über mich sprachen. So dumm bin ich schließlich auch nicht. Gut, ich gebe zu, es hat lange gedauert, bis ich das Ausmaß des Skandals begriffen habe. Es war schließlich niemand bereit, offen zu reden. Verlogenes Volk! Erst als die arme Hedwig das Zeitliche gesegnet hatte, kamen sie mit ihren Vorwürfen ans Tageslicht.

Ich! Ich war das Problem!

Alles an mir sei anstößig.

Der zu große Busen.

Der zu dünne Körper.

Die zu sehr gespreizten Beine.

Ehrlich, ich dachte, mich reißt es vom Sockel, als der Bürgermeister neben mir auftauchte und mit einer dieser alten Hexen meine Anatomie diskutierte. Nichts als Fleischbeschau! Man kann sich nun mal sein Äußeres nicht aussuchen. Ob mein Busen zu groß ist oder ich zu mager bin, geht niemanden etwas an. Und abgesehen davon: Ich bin mit einem Tuch bedeckt! Man sieht doch gar nichts!!

Das Anstößigste daher sollten meine Beine sein. Sie wären zu weit gespreizt. Zu weit gespreizt! Unfassbar! Da lugen meine wunderschönen Füße völlig unschuldig unter dem Tuch hervor – denn mehr, meine Lieben, gibt es wirklich nicht zu sehen – und die halbe Stadt ist in Aufruhr, weil sie ihre schmutzige Phantasie nicht zügeln kann.

Zu weit gespreizt! Dass ich nicht lache.

Richard hat sich bestimmt nichts Obszönes vorgestellt, als er mich schuf. Er war ein Künstler. Und als solchen haben sie ihn doch hochleben lassen. Die Lobeshymnen der Feierstunde klingen jetzt wie Hohn in meinen Ohren. Dabei waren sie so versessen darauf gewesen, mich zu bekommen. Er – ja, er – hatte lange mit Hedwig verhandelt. Sie weigerte sich jedoch, mich an Mellrichstadt zu verkaufen. Stattdessen hat sie mich der Stadt geschenkt.

Welch eine hehre Geste. Wenn auch verschwendet. Denn was Richard mit seinen Kunstwerken ausdrücken wollte, hat hier niemand verstanden. Diese Hinterwäldler! Tuscheln über meine nackten Fuße wie über etwas Unaussprechliches. Und kriegen schamrote Wangen, wenn sie sich nachts in ihrer Kammer meinen Körper vorstellen.

In Weimar wäre ich besser aufgehoben. Oder in Rom. Irgendwo, wo man Kunst zu würdigen weiß. Wo man erkennt, dass mehr in mir steckt als ein unbekleideter Frauenkörper. Überall sonst, nur nicht hier.

Sie haben mich nicht verdient!

Und ich sie auch nicht.

Wie bitte? Sie finden, ich habe keinen Grund, verbittert zu sein? Ich solle das nicht so persönlich nehmen? Sie haben leicht reden. Waren Sie jemals Ziel einer Unterschriftenaktion? Ich schon!

Im Mittelalter wäre ich an den Pranger gekommen. Da hätte ich wenigstens gewusst, wer mir ins Gesicht spuckt. Den Feind von Angesicht zu Angesicht. So aber hat es noch mehr wehgetan. Wie sie es organisierten, weiß ich nicht. Vielleicht standen sie jeden Samstag mit einem Infotisch am Marktplatz, bis sie ausreichend Stimmen beisammen hatten. Vielleicht gingen sie auch von Haus zu Haus, um niemanden zu vergessen. Eine Menge Aufwand, um die eigene Phantasie zu betäuben, wenn Sie mich fragen. Es waren jedenfalls nicht genügend Leute auf meiner Seite. Die Mehrheit wollte mich loswerden. Und jetzt bin ich also hier. Schamhaft versteckt an einem Ort, an dem ich niemanden mehr zu sündhaften Gedanken verführen kann.

Er steht noch immer neben min Will er mich denn gar nicht in Ruhe lassen? Es ist doch alles vorbei. Mit Ruhm hat er sich wahrlich nicht bekleckert, aber immerhin ist jetzt wieder Alltag eingekehrt. Soll er doch froh sein.

Dass ich ihm verzeihe, kann er wirklich nicht erwarten. Endlich wendet er sich ab. Stolpert über meine Fuße und landet der Länge nach im Dreck. Ha!

Geschieht ihm recht.



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