Aus fränkischer Feder


Gerhard Goldmann

Tika statt Corona

Nachdem das Corona-Virus monatelang die Welt im Würgegriff gehalten hatte, sollte sich ausgerechnet im Himalaya ein Lichtblick zur Bekämpfung der Pandemie zeigen. In einem Krankenhaus in Kathmandu fiel den Ärzten auf, dass sich unter den an Corona Erkrankten nur sehr vereinzelt solche befanden, die auf ihrer Stirn eine Tika trugen. Jenen roten Punkt, der von gläubigen Hindus zwischen den Augenbrauen über der Nasenwurzel angebracht wird.

Die augenscheinlich antivirale Wirkung wurde zunächst auf die verwendeten Inhaltsstoffe zurückgeführt. Doch dann stellte sich schnell heraus, dass die traditionell aus Joghurt, Reiskörnern und einem roten Pulver namens Abir bestehende Mischung in Bezug auf Corona genau den gleichen positiven Effekt hatte wie industriell hergestellte Produkte mit zum Teil sehr fragwürdigen Ingredienzien.

Das Einzige, was sich in allen Fällen glich, war die auffällige Farbe. Ganz offensichtlich konnte sie von den Krankheitserregern wahrgenommen werden, die sich daraufhin dann anderen Opfern zuwendeten. Angesichts der fehlenden Sehorgane von Viren mutete dies zunächst etwas merkwürdig an. Doch die empirischen Ergebnisse waren eindeutig: Patienten mit einem solchen Symbol im Gesicht erkrankten sechsmal weniger an Corona wie jene ohne Tika! 



Durch eine Reportage in einer renommierten Fernsehzeitschrift gelangte dieses Wissen erstmalig nach Deutschland, wo es sowohl von Fachleuten als auch von der Corona-müden Öffentlichkeit begierig aufgesogen wurde. Schien es damit doch endlich eine Möglichkeit zu geben, der Krankheit erfolgreich entgegenzutreten, ohne dabei elementare Menschenrechte zu verletzen. Wie den Anspruch auf eine textil- und zellulosefreie untere Gesichtshälfte, das Grundrecht auf bedingungslose Herdenbildung oder den Schutz empfindlicher Zeitgenossen vor Nadelstichen.

 

Die Politik reagierte schnell und beherzt. In einer Sondersendung der ARD versicherte die Bundeskanzlerin, dass sie nichts unversucht lassen werde, um allen Mitbürgern das Tragen des segensreichen Farbkleckses zu ermöglichen. Dabei ging sie mit gutem Beispiel voran und hatte sich von ihrem Maskenbildner passend zum Blazer eine Tika aufmalen lassen. Diese verlieh ihr eine entfernte Ähnlichkeit mit der indischen Freiheitsheldin Lakshmi Sehgal, ohne dass sie allerdings ernsthaft mit deren Anmut und Ausstrahlung hätte konkurrieren können. Auch der ebenfalls anwesende Bundesgesundheitsminister war ordnungsgemäß gepunktet und wirkte dadurch – zusammen mit seiner Frisur und dem ihm angeborenen Gesichtsausdruck – wie ein Schaf, das vom Tierarzt als entwurmt gekennzeichnet worden war.

Nach diesem furiosen Auftakt wurden Ministerien und Fachbehörden unverzüglich angewiesen, die neuen Erkenntnisse in eine rechtssichere und grundgesetzkonforme Gesetzgebung zu gießen. Dabei zeigten sich dann jedoch Hürden und Fallstricke, mit denen so niemand gerechnet hätte.

Als erstes meldete sich eine Datenschutzbeauftragte zu Wort. Es sei, so ließ sie verlauten, nicht zu verantworten, dass unbescholtene Bürger ihren Gesundheitszustand sichtbar auf der Stirn tragen müssten. Also bewilligte das Bundeskabinett ein Sonderprogramm von 20 Millionen Euro, um der Frage nachzugehen, ob SARS-CoV-2 eventuell auch auf für menschliche Augen unsichtbare Farben wie Infrarot oder Ultraviolett anspringen würde. Leider tat es das nicht. Dafür klagten die Probanden mit ultravioletten Tikas darüber, dass sie unverhältnismäßig oft von Insekten angeflogen würden. Somit kam der Abschlussbericht zu dem Ergebnis, dass eine unsichtbare Farbgebung nicht nur wirkungslos sei, sondern den so ausgestatteten Personen unter Umständen sogar gefährlich werden könne. Erstens bei allergischen Reaktionen auf Wespenstiche, zweitens durch die Gefahr von Schlangenbissen, da diese Tiere bekanntlich auch Infrarot wahrnehmen könnten.

Bedenken ganz anderer Art meldete eine pensionierte Finanzamtsvorsteherin an, die damit zum Messias strenggläubiger Atheisten aufstieg: Die Tika sei ein religiöses Symbol und somit werde durch eine Zwangsverpunktung die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit in Frage gestellt! Auf den Gang zum Bundesverfassungsgericht verzichtete sie erst, nachdem mit weiteren 20 Millionen Euro nachgewiesen worden war, dass sich die erhoffte Schutzwirkung auch mit weltlichen Mustern und Abbildungen erzielen ließ – bis hin zum Konterfei von Dieter Bohlen oder einem 5er BMW.

Einige AktivistInnen stellten dagegen die prinzipielle Frage, ob die Farbmarkierung an sich mit der Menschenwürde vereinbar sei. Sie verwiesen darauf, dass zwar niemand gezwungen werden könne, sich an dem Programm zu beteiligen. Doch Punktverweigerer könnten stigmatisiert werden und im täglichen Leben, vor allem aber in den sozialen Netzwerken, ungerechtfertigten Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt sein.

Das brisante Thema Allergien beschäftigte eine weitere Gruppe, die sich zu Wort meldete. Jene, die den Inhaltsstoffen der vorgeschlagenen Farbmischungen misstrauten und forderten, dafür dürften nur ausnahmslos zertifizierte Ingredienzien aus biologisch-dynamischer Herkunft zur Anwendung kommen. Außerdem dürften diese ausschließlich durch qualifiziertes Personal aufgetragen werden, das nicht nur medizinisch, sondern auch psychologisch geschult sei. Denn anderenfalls könnte es zu Reizungen der Haut kommen und besonders Kinder, Senioren und Menschen mit Behinderungen wären der Gefahr einer Traumatisierung ausgesetzt.

Der Vorschlag einer Elterninitiative, zur Applikation der lebensrettenden Substanzen bei Kindern unter zwölf einzig und allein Pinsel aus feinstem Rotmarderhaar zuzulassen, scheiterte allerdings am Widerstand von Tierschützern. Sie verwiesen auf die unzumutbaren Belastungen für die Vierbeiner, denen dazu das Fell über die Ohren gezogen werden müsste. Umgekehrt bezeichnete es eine große Zahl von Erziehungsberechtigten als völlig inakzeptabel, ihrer Brut mit synthetischen Fasern im Gesicht herumzufuchteln zu lassen.

Während sich einige noch darüber Gedanken machten, ob man erfolgreich Gepunkteten Sonderrechte einräumen dürfe, beschäftigten sich andere schon intensiv mit der Farbauswahl. Rot schien eindeutig die beste Wirkung zu zeigen, stieß jedoch aufgrund der Erinnerung an Stalin, Mao und die von ihnen verübten Verbrechen auf weitgehende Ablehnung. Für Braun war die Einschätzung ähnlich, außerdem kamen hier noch fäkalästhetische Skrupel hinzu. Blau wurde verschmäht, weil es keine Farbe, sondern ein Zustand sei. Und zwar einer, den man ungern in die Öffentlichkeit tragen wollte! Die Fachminister des Bundes und der Länder einigten sich in einer Videoschaltung schließlich auf Gelb. Doch führende Virologen (und auch Historiker) gaben zu bedenken, dass Gelb traditionell Krankheit und Gefahr signalisiere, also das genaue Gegenteil der erhofften Wirkung. Waren doch bereits im Mittelalter Seeleute und Hafenbehörden mit gelben Fahnen vor der Pest an Bord gewarnt worden!

Letztendlich sollte sich Grün als das Mittel der Wahl entpuppen, auch wenn einige Kritiker dessen optische Nähe zu einer politischen Partei bemängelten. Doch es zeigte nicht nur hervorragende Ergebnisse, sondern hatte auch noch einen geradezu wundervollen Nebeneffekt. Denn der Grüne Punkt machte nun im großen Stil den Weg in die Gelbe Tonne frei: Für Verschwörungshysteriker, Impfomanen, Nicht-mehr-Denker und alle anderen Dummschwätzer. Mögen sie dort in Frieden ruhen und – im Gegensatz zu den gesammelten Verpackungsabfällen – nie wieder auftauchen. PUNKT!