Aus fränkischer Feder

Das Schreiben eines Briefes sei keine große Kunst, denkt man. Aber selbst das könnte sich irgendwann ändern, wie der nachfolgende Text von Luke alias Norbert Autenrieth beweist. 


Ein Brief

Lieber Alexander,

du weißt ja, dass ich gerne verrückte Sachen mache. Und so versuche ich etwas ganz und gar Ungewöhnliches, was vor fünfzig Jahren angeblich noch verbreitet gewesen sein soll: Ich schreibe dir einen Brief. Auf Papier. Nun weiß ich natürlich nicht, wann er bei dir ankommen wird. Es hat mir erhebliche Mühe gekostet, eine Firma zu finden, die eine solche Dienstleistung überhaupt anbietet. Aber ich habe es geschafft und ich hoffe, es klappt. 

Schon die Beschaffung eines sogenannten Schreibgeräts war nicht ganz einfach. Ich habe in Fürth nach einem Laden gesucht, wo man einen solchen erwerben kann. Du weißt, dass ich es ab und an liebe, in so etwas Exotischem wie einem Laden einkaufen zu gehen, durch die Stadt bummeln nannte man das früher. Macht ja fast keiner. Jedenfalls habe ich dann in einem Antiquariat ein solches Schreibgerät gefunden, Kugelschreiber hieß dies und ich musste sogar ein zweites Mal dahin, da der irgendwann nicht mehr funktioniert hat und ich eine neue Mine – so nennt das Innere des Geräts, das die Farbe abgibt oder abgeben soll – erwerben musste. Aber die größte Mühe hat es mir gemacht, Schreiben zu lernen. Keine Spracheingabe, keine Tastatur. Habe dann einen digitalen Schreibkurs gefunden, bei dem man das Schreiben lernen konnte. Hat mich Wochen gekostet, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war und du nun einen – so hoffe ich - leserlichen Brief erhält. Keinen digitalen. 

Bei der Suche nach dem Schreibgerät bin ich mal wieder durch die Fürther Altstadt spaziert. Zu Fuß! Du wirst es nicht glauben. Man muss schon aufpassen, dass man nicht von den vielfachen Elektrorollern, Rollbrettern, Sitzrädern usw. über den Haufen gefahren wird. Früher soll es ja sogar Autos in der Stadt gegeben haben - man kann sich gar nicht vorstellen, wie das gegangen sein soll. Insofern hat man heute ja mehr Platz in der Stadt und Läden gibt es ja auch kaum mehr – wer kauft schon noch persönlich ein, geht doch alles digital. Außerdem muss man schon aufpassen, dass man sich im Wald zwischen Rathaus und Bahnhof nicht verirrt, aber da kann man sich ja an den Bistros und Clubs dazwischen orientieren, wenn man auf das Navi mal verzichten will – auch eine Herausforderung. Und laut ist es da, das kann ich dir sagen. Die Vögel machen ein Geschrei, nicht zum Aushalten. Das kommt natürlich daher, dass man auch in Fürth wieder den Versuch macht, natürlichen Wald zu pflanzen statt der Kunststoffbäume. Die im Freien mit Tabletts oder Handys in den Bistros sitzen, haben ja ihre Ohrhörer und sind vom Vogellärm verschont. Mir macht das fast nichts aus. Finde den „natürlichen“ Lärm beinahe schön, mal eine Abwechslung – ansonsten hört man ja draußen nichts, ist ja alles still. An der Freiheit, der früher ja ein Parkplatz für Autos gewesen sein soll, stand an einer Ecke einer, der sich auf eine Kiste gestellt hatte und lauthals Parolen gegrölt hat, so seltsames Zeug wie: „Handyverbot in Gaststätten! Sprecht miteinander!“ Ist aber gleich von der Polizei kassiert worden, vermute wegen Ruhestörung. 

Dabei habe ich bei meinem Spaziergang erfahren, dass es so etwas tatsächlich schon gibt. Du wirst es nicht glauben. Ehrlicherweise hatte ich mich etwas verlaufen und war schon ziemlich erschöpft, als ich am Rand des Stadtparks angekommen bin und da bin ich doch auf eines dieser nostalgischen, so genannten Traditionslokale, gestoßen, zu den „Sieben Schwaben“. Dort darf man sein Handy oder Tablett nicht einschalten! Stell dir vor! Und jetzt kommt es! Dort gibt es tatsächlich Fleischgerichte! Ja, du liest richtig! Richtige Fleischgerichte, nicht Soja. Schweinebraten beispielsweise. Wo die den wohl herhaben? Ich bin da hinein, schon die Einrichtung: Alles aus Holz! Stühle, Tische, ja selbst die Wände sind mit holzverkleidet. Ein bisschen gegraust hat es mich schon. Hygienemäßig. War spärlich besetzt. Fast nur junge Leute. Die fahren scheinbar auf sowas ab. Fleisch habe ich natürlich nicht gegessen. War ja auch sauteuer. Gab ja auch Sojaburger. Aber eines kann ich dir sagen: Lange habe ich es dort nicht ausgehalten. Dieses Geschrei! Dieser Lärm! An jedem Tisch wurden Gespräche geführt, zugeprostet, laut gelacht. In der Öffentlichkeit. Ich wundere mich schon, dass das überhaupt erlaubt ist. 

Ich habe mir dann einen Elektroroller geschnappt und bin noch ein Bisschen durch den Stadtpark gefahren - dort war es ruhig. Es gibt dort kaum Vögel, es stehen ja heute fast nur Plastikbäume - wo soll man das Wasser auch herbringen! Bin gespannt, wie lang das bei dem neuen Wald an der Freiheit geht. Muss ja ein Vermögen kosten.

Heute Abend werde ich mal wieder ins Stadttheater gehen. Wir waren schon gemeinsam drin – erinnerst du dich? Ein uraltes Gebäude, über 200 Jahre alt. Man bietet dort einen Stadtspaziergang an: „Fürth vor 50 Jahren“. Eine 3d-Hologrammshow, eben wie Fürth vor 50 Jahren ausgesehen hat. Und am Ende treten tatsächlich persönlich alte Mitbürger und Mitbürgerinnen auf, die über ihre Kindheit in Fürth berichten werden. Die Zuschauer können sogar Fragen stellen. Das ist mal eine Idee! Bin ich gespannt. Mal schauen, wie die „gute alte Zeit“ so gewesen ist. Manche schwärmen ja davon, aber das ist wahrscheinlich in jeder Generation das Gleiche. 

Lieber Alexander, jetzt tun mir aber die Finger weh, obwohl ich zwischendurch die Schreibhand gewechselt habe. Ich hoffe, dass die ungewöhnliche „Post“ – so hieß das früher – auch in Cadolzburg ankommt und du alles entziffern kannst.

Über eine Antwort würde ich mich freuen, natürlich gerne auf dem üblichen digitalen Weg.

Herzlicher Gruß
Luke