Aus fränkischer Feder

Die nachfolgende Geschichte von Christine Rieger ist nicht nur äußerst amüsant, sondern besticht genauso durch ihr Lokalkolorit. Und jene, die mit den fränkischen Dialekten nicht so vertraut sind, können sie sogar als eine Art Intensiv-Sprachkurs benutzen, Viel Vergnügen beim Lesen und Lernen! 


Christine Rieger

Westwind

„Pfui Deifl! Sooch amol – konn des sei, dass du dich vielleicht vergessn hosd?“ Marlies schnüffelt argwöhnisch und wirft ihrem Gatten einen empörten Blick zu.

„Vergessn? Wos – vergessn?“, fragt Willi, in das Studium der Börsenkurse vertieft, geistesabwesend.

„Dou brauchst edz goar ned auf bläid machen, du wassd genau, wos iich maan“, faucht Marlies. „Dou stinkts wäi nach faule Gaggerla!“

„Vielleicht woar des der Rocky?“ mutmaßt Willi sofort. Rocky ist der Hund des Ehepaares.

„Naa – der woar des ned. Der is ieberhabds ned dou. Den hod si di Sabrina vurhin g’hullt. Däi hod doch immer Angst, wenns allaans unterwegs is ...“

Sabrina, die Enkelin von Marlies und Willi, geht fast täglich joggen. Doch seitdem sie im Pegnitzgrund einmal von einem Mann belästigt wurde, holt sie sich gerne den Schäferhund ihrer Großeltern als ‚Geleitschutz’. Seither hat es niemand mehr gewagt, sie auch nur anzusprechen.

„Also, wenn der Rocky des ned woar, nou konnst doch blous du ... naja, iich maan ... wer‘s als erster roch, und su ...“

„Also, edz werst obber unverschämt! Du weißt doch ganz genau, dass ...“

... „dass a Fraa suwos ned machd? – Dass iich ned lach ...“

Marlies kommt nicht dazu, ihrem Gatten erneut über den Mund zu fahren, denn in diesem Moment streckt Gerhard den Kopf über die frisch gestutzte Buchenhecke, die die beiden Grundstücke voneinander trennt. Ihm gehört das Einfamilienhaus nebenan, das er seit der Scheidung von seiner Frau allein bewohnt.

„Soocht amol, wos stinkt denn da su graisli?“, fragt er naserümpfend. „Hobbt ihr widder die Reste vo einerm Middochessn aafn Kombost g’schmissn?“

 „Also, erschnds amol: Mier schmeißn ka Essm aafn Kombost“, protestiert Willi entrüstet. „Maanst du vielleicht, mier wolln Ratz’n aafm Grundstück hom? Und zweitns: Unsern Kombost konnst du doch goar ned riechn. Mier hom Westwind, und wenn, nou därferd si höchstns der Fiete beschwern ...“

Fiete ist der Nachbar zur Linken – ein Ostfriese, vor kurzem erst zugegezogen. Bis jetzt kennt ihn noch keiner so genau. Er hat sich nirgends vorgestellt, aber dass er von der Küste stammen muss, erkennt man an den hierzulande eher ungewohnten Utensilien, die er in seinem Garten aufgestellt hat. Strandkorb auf der Terrasse, rot-weiß gestreifter Leuchtturm neben dem Gartenteich und eine Totenkopf-Fahne, mit der er sich zweifelsfrei als Anhänger des FC St. Pauli outet – solche Dinge eben. Dass er Fiete heißt, weiß Willi auch nur, weil neulich eine Frauenstimme den Nachbarn zum Essen hereingerufen hat.

„Wou konn denn der G‘schtank dann herkummer?“, rätselt Marlies.

„Vielleicht aus Färdd? Vo der Kläranlach?“, meint Willi grinsend.

„Däi is an der Stadtgrenz, däi ghärd ned zu Färdd!“ widerspricht Gerhard wütend. Er stammt ursprünglich nämlich aus Fürth und kann es überhaupt nicht leiden, wenn auf seiner Geburtsstadt herumgehackt wird. Dass er gelegentlich gegen Nürnberg lästert, vergisst er dabei ganz gern.

„Is doch a worschd, wou däi edz genau stäihd“, mischt Marlies sich ein. „Däi konn des suwisu ned sei. Wall, däi Kläanalach is nämli in der andern Richdung!“

„Und woher wassd du, welche Richdung des is?“, fragt Willi zweifelnd. Er weiß sehr wohl, dass seine Angetraute mit den Himmelsrichtungen und der Geographie ganz schön auf dem Kriegsfuß steht.

„Wall dou die Sunner untergäiht!“ Marlies deutet mit dem ausgestreckten Zeigefinger vage irgendwohin. „Und dou ist Westn. Nachdem du obber gsachd hosd, mier hom Westwind, konn des also goar ned sei! Däi Kläranlach is nämlich doddn!“ Sie zeigt dorthin, wo sie den Osten vermutet.

„Däi is vill weider links“, belehrt Willi seine Frau. „Im Nordwest’n. Also doddn“. Sein Finger stochert durch die Luft und hätte um ein Haar Gerhards Gesicht getroffen.

„Sooch amol, spinnst du edzer? Aaf meiner Nosn is die Kläranlach ganz beschdimmt ned!“

„Der Ges-tank kommt von da!“ Unbemerkt von den dreien ist Fiete auf der Bildfläche erschienen. Sein ausgestreckter Finger zeigt in Richtung Westen.

Fiete, der eigentlich Friedrich heißt, sieht genauso aus, wie man sich als Landratte einen Seebären gemeinhin vorstellt. Breite Schultern, wasserblaue Augen, weiße Mähne, bedeckt von einer speckigen Kapitänsmütze, die schon bessere Tage gesehen hat. Blaue Latzhose mit ausgefransten Trägern, darunter ein blaugestreiftes T-Shirt. Sein Bart ist ebenso weiß wie seine Haare.

„Des sooch ich doch die ganze Zeit! Mir hom Westwind, und immer, wenn Westwind is, nou stinkts bei uns.“ Willi wirft seiner Frau und Gerhard einen triumphierenden Blick zu.

„Gibt es dort irgendwo vielleicht einen Bauernhof?“, will Fiete wissen.

„Naa. Däi sin alle im Knoblauchsland. Und des is doddn!“ Willis Finger sticht in die Richtung, in der in weiter Ferne der Kontrollturm des Flughafens zu sehen ist.

„Knoblauchsland? Was ist das?“, fragt Fiete interessiert.

„Des is ... des is ... ähm ... wäi erklär ich des denn edz ... Also, im Knoblauchsland sin die ganzn Bauernhöf, und däi pflanzn Gmäis, also, Bohner, Erbsn, Baradeiser, Salood, Gurgn und su Zeich ooh. Und des verkaafms entweder an die Lebmsmiddllädn oder direkt aaf ihre Höf, im Bauernlodn. A Boar stenner obber a jedn Dooch am Hauptmarkt, und ...“

An Fietes Gesicht ist unschwer zu erkennen, dass er kein einziges Wort verstanden hat. Bedächtig kratzt er sich unter seiner Mütze.

„Was sind denn ‚Baradeiser’? Und ‚Gmäs’?“, fragt er verständnislos.

„Tomaten und Gemüse“, übersetzt Marlies. „Also, das Knoblauchsland ist unser Gemüseanbaugebiet hier. Die Erzeugnisse werden entweder an Lebensmittelgeschäfte verkauft, oder direkt in Hofläden, oder auf dem Bauernmarkt in der Stadt ...“

„Ach so. Aber das kann doch nicht so s-tinken!“

„Höchstns, wenns vergammlt is!“ Willi grinst. „Obber däi Bauern hom ja a Viecher. Gäns und Entn, Henner, Käih und Sai, und der Mist vo denner stinkt halt. Obber des konn trotzdem ned sei. Des Knoblauchsland is beim Flughafn, und stinkn tuts vo Westn!“

„Wall in Färdd aa Bauernhöf sin. Sack und Ronhuuf, Bobbnreith und Schnepfnreith – des ghärd alles zu Färdd ...“

„Hobbi also doch recht ghabt!“, triumphiert Willi. „Der Gschtank kummt vo Färdd. Zwoar ned vo der Kläranlach – obber vo Färdd. Aus‘m Westn. Wo hald der Wind herweht ...“