Aus fränkischer Feder

Hier werden Ihnen in loser Folge literarische Kostproben unserer Mitglieder vorgestellt. Diesmal eine vergnügliche Frühlingsgeschichte von Bettina Stauder:


Pilgern nach Buttenheim

Wie so oft gehe ich diese Straße von Ketschendorf nach Buttenheim erfüllt mit tiefer, fast religiöser Dankbarkeit so wie mancher Pilger, der auf dem Jakobsweg seinen Frieden finden will.

Denn ich bin dankbar.

 In tiefster Seele.

Dieser Weg zu Fuß hat mich schließlich vor dem größten Fehler meines Lebens bewahrt.

Er hieß Veit und hatte mich im Café Müller in Bamberg angesprochen, ob der Stuhl an meinem Tisch noch frei sei. Es war einer der ersten warmen Frühlingstage und jeder, der ein bisschen Zeit hatte, ließ sich nieder. Ob auf einer Bank, einem Brunnenrand oder einem Caféhausstuhl – egal, Hauptsache man konnte das Gesicht in die Sonne halten, die Jacke ausziehen und die lang vermissten Strahlen genießen. Die wenigen Tische, die vor dem Café Platz hatten, waren alle besetzt, und so konnte ich ihm den freien Stuhl auch nicht verweigern. Er schien mein leichtes Zögern bemerkt zu haben und bedankte sich sehr zuvorkommend. Im Schutz meiner Sonnenbrille musterte ich ihn unauffällig. Er war von eher durchschnittlicher Größe und Figur. Auffallend aber waren seine hellblauen Augen, die im starken Kontrast zu seinen schwarzbraunen Locken standen.

Eine ungewöhnliche Kombination.

Die mich ansprach.

Mein Interesse weckte.

Über den roséfarbenen Prosecco, den ich trank, kamen wir ins Gespräch. Er bestellte ihn ebenfalls, lobte dessen Leichtigkeit und eigentlich gehörten dazu jetzt ein paar Krabben. Dann wäre dieses Urlaubsgefühl, das sich gerade bei ihm einstellte, noch authentischer. Ob ich denn Meeresfrüchte möge, was ich bejahte, und ob er mich an diesem Abend in dem neu eröffneten spanischen Lokal wiedersehen könne. Die Fischspezialitäten seien geschmacklich hervorragend, alles natürlich absolut frisch und ausgezeichnet zubereitet. Nun müsse er leider ins Büro zurück. Er erwarte mich spätestens um 19.19 Uhr. Dabei lächelte er strahlend, seine Augen blitzten und auf seinen Wangen erschienen zwei kleine rote Flecken. Die deutete ich als Verlegenheit und obwohl ich mich von diesem Tempo etwas überfahren fühlte, schüttelte ich das ungute Gefühl ab und sagte zu.

Wir verlebten einen wunderschönen Abend. Das Essen war so, wie Veit es geschildert hatte und er selbst ein exzellenter Unterhalter.

Ob ich denn auch Deftiges mögen würde. Er kenne eine Einkehr in einem kleinen Ort namens Ketschendorf. Dort gäbe es den besten Presssack weit und breit und auch einen Zwetschgenbames, der seinesgleichen suche. Dazu ein Kellerbier. Er schnalzte mit der Zunge, blickte mich erwartungsvoll an und legte seine Hand auf meine.

Mich durchfuhr ein kleiner Stromstoß.

Ja, ich möge auch Herzhaftes, hörte ich mich mit belegter Stimme sagen.

In dem Fall würde er sehr gern mit mir am kommenden Samstag einen kleinen Ausflug nach Ketschendorf unternehmen. Ich gab ihm meine Telefonnummer, worüber er sich sehr freute. Wir prosteten uns zu. Veit beglich die gesamte Rechnung trotz meines Widerspruchs und wieder erschienen die roten Flecken auf seinen Wangen.

Zum Abschied umarmte er mich kurz, was sehr vielversprechend schmeckte. Zu Hause erwartete mich auf dem Anrufbeantworter noch ein Gute-Nacht-Gruß von ihm.

Ein Glücksgefühl durchströmte mich.

War ich dabei mich zu verlieben? Voller Vorfreude erwartete ich den Samstag.

Pünktlich um 15.15 Uhr klingelte er. Aufgeregt öffnete ich die Haustür. Seine Augen leuchteten auf, als er mich sah. Wir begrüßten uns mit Wangenküsschen, dann legte er seinen Arm um meine Schulter und führte mich zu einem knallroten Porsche. Natürlich war ich entsprechend überrascht. Er hielt mir die Tür auf und ich versuchte möglichst elegant einzusteigen und in dem tiefen Sitz Platz zu nehmen. Da es in den letzten Tagen fast sommerlich warm geworden war, fuhren wir offen, nahmen deshalb auch nicht die Autobahn, sondern die kleinen, manchmal idyllischen Straßen im Bamberger Hinterland. Ich genoss die Fahrt, das Dröhnen des Motors, das Vibrieren im Sitz, die Sonne, den Wind, der meinen Rock flattern ließ, sodass ich ihn immer wieder festklemmen wollte.

Schließlich legte Veit seine Hand auf mein Knie und hielt so den Rock fest.

Ein prickelndes Gefühl.

Lächelnd gewährte ich ihm die Freiheit, die er sich herausgenommen hatte und schloss die Augen. Nach einer Weile glitt seine Hand an meinem Oberschenkel etwas höher, er zögerte. Da legte ich meine Hand auf seinen Oberschenkel und wir lachten beide mit dem Wind.

Ein verheißungsvoller Nachmittag.

Viel zu schnell hatten wir Ketschendorf erreicht und ließen uns beim Kramer im Biergarten nieder. Veit gab die Bestellung auf. Ob ich denn das einzige Wort im Fränkischen kenne, in dem man ein hartes „t“ spricht, auch wenn es gar nicht in das Wort gehört? Ich verneinte und schaute in seine hellblauen Augen. Unsere Hände berührten sich. Und wieder fühlte ich einen kleinen Stromschlag. Veit musste es auch bemerkt haben, denn seine Pupillen verengten sich und er umschloss fest meine Hand.

„Bittschön, Zwetschgenbames und Presssack mit Semft. Guten Appetit!“

Ach so, Semft ist Senf. Ich musste lachen. Was ich für niedliche Grübchen hätte und mein Lachen gefiele ihm sehr. Ich verscheuchte eine Fliege, die sich auf dem Zwetschgenbames niederlassen wollte und strich als Antwort mit meinem nackten Fuß seine Wade hinauf. Er holte scharf Luft. Sein Blick verfing sich in meinem Ausschnitt. Wir könnten ja später noch ein wenig spazieren fahren, schauen, wohin uns der Weg führe. Doch nun sollten wir essen. Es sähe gar so lecker aus. Das Bier wurde gebracht und durstig tranken wir, um uns abzukühlen.

Dann entschied ich, mit dem Zwetschgenbames anzufangen, der so hieß, wie er erklärte, weil er dem Querschnitt eines jungen Zwetschgenbaumes in der rötlich schillernden Farbe ähnelte.

Trocken geräuchertes Rindfleisch, hauchdünn geschnitten, es war eine Offenbarung für meinen Gaumen. Aber warum wollte diese Fliege ständig auf meinem Essen landen? Ich wedelte sie fort. Köstlich dieser Zwetschgerbames! Veit hielt mir seine Gabel mit einem Stück Presssack zum Probieren hin. Betont langsam umschloss ich den Bissen mit meinen Lippen und zog das Stück von der Gabel, Veit dabei in die hellblauen Augen blickend. Er ahmte währenddessen meine Lippenbewegungen nach. Mein Herz stolperte, fast hätte ich mich verschluckt.

Da bahnt sich etwas Großartiges an, dachte ich bei mir und wollte nun auch ihn mit meinem leckeren Zwetschgenbames füttern. Schon wieder diese Fliege! Ich schnippte heftig mit Zeigefinger und Daumen nach ihr und das Unglaubliche passierte. Mein Zeigefinger hatte sich in einer Scheibe Zwetschgenbames verfangen, die im Nu auf Veits Nase landete.

Ich blickte auf, konnte nicht fassen, was ich sah und prustete lauthals los. Veits Mund öffnete und schloss sich wie bei einem Karpfen, der auf dem Trockenen gelandet war und verzweifelt nach Luft schnappte.

Ich wollte das Lachen zurückhalten, hielt mir die Hand vor den Mund, konnte mich aber immer noch nicht beruhigen. Veit hatte unwillig den Kopf geschüttelt, sich über die Nase gewischt und scharf Luft geholt. Ich lachte inzwischen Tränen, erstarrte aber, als ich ihn lospoltern hörte.

Er ließe sich doch nicht zum Gespött aller Leute machen. Was ich mir denken würde? Er sei ein angesehener Mann in dieser Gegend. Ich gäbe ihn der Lächerlichkeit preis!

Die anderen Gäste wurden aufmerksam. Auf seinen Wangen erschienen die roten Flecken, sie wuchsen und färbten sich immer dunkler. Seine Attraktivität für mich schmolz dahin.

Mein Oberkörper bebte vor unterdrücktem Lachen, was ihn nur noch zorniger werden ließ. Man müsse sich mit mir in der Öffentlichkeit schämen. Kein Benehmen hätte ich.

Da wurde ich auf einmal ganz ruhig. Nomen est omen, dachte ich bei mir. Das ist wahrhaft ein Veitstanz.

Er rief nach der Bedienung, wollte augenblicklich zahlen und gehen.

Und ich blickte in die Abgründe, die mich an seiner Seite im täglichen Leben erwarten würden. Die konnte ein Porsche nicht aufwiegen. Hatte ich nicht schon immer meine besondere Meinung zum Verhältnis Mann und Sportwagen gehabt? Fast hätte ich sie revidiert.

Er stand auf und sah mich auffordernd an. Ich schüttelte den Kopf, lehnte die Rückfahrt in seinem Auto ab. Er solle ruhig alleine fahren. Sicherlich fände ich einen Weg, wie auch ich gut nach Hause zurückkäme.

Trank noch ein Kellerbier, allein und in aller Ruhe. Dann machte ich mich zu Fuß auf den Weg nach Buttenheim. Ging an goldgelben Löwenzahnwiesen vorbei, passierte einen kleinen See, fand mich dann im Schatten blühender Obstbäume wieder, die die Straße flankierten und traf auf die Hauptstraße, die mich zum Bahnhof führte. Bequem erreichte ich den letzten Zug nach Bamberg.

Hinweise zur Einreichung von Texten

Die Texte für diese Rubrik sollten möglichst abgeschlossen sein und 5000 Zeichen nicht überschreiten. Zusätzlich kann der Autor sich selbst in 2-3 Sätzen mit einer Kurz-Vita sowie - wenn gewünscht - mit einer Verlinkung zur eigenen Homepage vorstellen.

Es gibt kein Honorar für die Vorstellung des Textes. Jeder Autor ist selbst dafür verantwortlich, dass er die nötigen Rechte  besitzt. Durch die Zusendung erteilt der Autor dem AutorenVerband Franken die Berechtigung, den Text auf der Homepage zu veröffentlichen. Die Erlaubnis hierzu ist in der Email zur Einreichung bitte noch einmal formlos zu erteilen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung der eingesandten Werke besteht nicht Wir bitten um Verständnis dafür, dass eine Rückmeldung über die Gründe der Ablehnung nicht erfolgt.

Textlänge: bis 5000 Zeichen inklusive Leerzeichen

Formate: *.doc, *.docx, *.rtf, *.odt, *.pdf, *.txt

Einreichung digital an: info@autorenverband-franken.de